Am Sonntag, dem” Marathontag” hieß es früh aufstehen. Um 7.30
Uhr war Abfahrt mit extra geschharterten Bussen vom New York Road Runners Club zum Start auf “Staten Island”. Dort wurden die Teilnehmer einzeln eingecheckt, bevor sie sich in in einem extra für
sie angelegten Areal einfanden, wo noch reichlich Zeit war, um zu frühstücken, den Kleiderbeutel abzugeben, und sich zu einem der drei Startblöcke zu begeben.
Der Startschuss wurde mit einer Kanone förmlich zelebriert. Etwa 15 Hubschrauber kreisten zu diesem Zeitpunkt über dem Läuferpulk.Über zwei Etagen ging es auf der unter 60000 Füßen
vibrierenden Verrezano- Bridge über den Hudson River. Innerhalb der ersten Meile(1,6 km) waren etwa 180 Yard(160m) Höhenunterschied zu bewältigen, bevor man in den zweiten
Stadtteil Brooklyn einlief.Hier machten sich zum ersten Mal die Zuschauer bemerkbar.
Gehörschutz war angebracht
Über einige Kilometer war der Geräuschpegel so hoch, dass fast
schon Gehörschutz angebracht gewesen wäre. Hier wurden die ersten schwer behinderten Teilnehmer überholt, die sich schon bei unserer Teilnahme im vorletzten Jahr Respekt verdienten. Auf den
nächsten Kilometern ging es u.a. auch durch ein orthodoxes Judenviertel, in dem man glauben konnte, hier wäre die Zeit vor einigen hundert Jahren stehen geblieben. Von den streng gläubig
erzogenen Menschen wurde das Massenspektakel mit keinem Blick zur Kenntnis genommen. Man ging seinen Sonntagsgeschäften wie immer nach.
Halbzeit war in Queens
Am Fuße der nächsten Brücke war die Halbmarathon- Distanz geschafft. Es ging nach Queens hinein. Jetzt lag der wesentlich anspruchsvollere zweite Teil vor den Läufern. Über die
Queensborough Bridge mit fast zehn Prozent Steigung ging es erneut über den Hudson River, diesmal nach Manhattan hinein. Bei Kilometer 25 wurden die Marathonis mit ohrenbetäubenden Lärm
auf der First Avenue begrüßt. Hier hatte man auf der sechsspurigen Straße einen fünf Kilometer weiten Blick nach vorne-zu sehen waren nur Läufer. Die First Avenue war vom Streckenprofil sehr
wellig und bereitete den Teilnehmern schonend auf den Rest des Marathons vor. Am Ende der Straße konnte man enen Blick zurückwerfen, um zu sehen wie viele Läufer noch folgten- ein Ende der Läufermassen war aber nicht abzusehen.
Blick auf Hudson riskiert
Von Manhattan aus ging es über eine Brücke, auf der extra wegen des Laufes ein Teppich verlegt worden war. Wenn man nicht gerade
auf diesem lief, konnte man durch die Stahltrossen einen Blick in den Hudson River riskieren. Dazu waren allerdings gute Nerven gefragt, denn die Brücke bebte unter der Läuferschlange. Eine
kleine Schleife durch die Bronx (u.a. Harlem) und dann ging es erneut nach Manhattan hinein- nun zum ersten Mal in den Central Park.
Die Zuschauer halfen
Hier ging es die nächsten vier Kilometer wieder sehr anspruchsvoll zur Sache -eni stetiges Auf und Ab, so als ob man immer wieder einen Deich hoch und runter laufen würde. Unzählige Zuschauer
beiderseits der Straße halfen den Läufern, den “inneren Schweinehund” zu besiegen und pulverisierten die Gedanken an Aufgabe. Es folgte nun noch ein Kilometer über die 67. Street,
bevor das Ziel im Central Park wartete. Jetzt ging es nur noch bergauf. Schon mehrere hundert Meter vor dem Ziel läuteten die bis auf den letzten Platz gefüllten Tribünen auf beiden Seiten der
Strecke den Endspurt ein. Im Jubel der Massen lief man wie im Trance. Vergessen waren die Strapazen der 42.195 m. Eine Medaille und die Gratulation der unzähligen Helfer versüßten die Anstrengungen im Ziel zusätzlich.
Laufbegleiter schirmen ab
Bei Sonnenschein, aber sehr kalten Temperaturen um die sechs Grad und stark böigem Wind hatte der Lauf in diesem Jahr unter relativ guten Bedingungen stattgefunden. Im vorletzten Jahr
(1997) fand der Marathon bei strömenden Regen statt, und das Wasser stand teilweise knöcheltief auf den Straßen.
Aufgefallen sind immer wieder schwer behinderte Teilnehmer. Fehlende Gliedmaßen, stark eingeschränkte
Bewegungsmöglichkeiten oder Blindheit beeinträchtigen ihr Leben, hindern sie jedoch nicht an der Marathon- Teilnahme. Um ihnen das “Bad in der Menge” zu ermöglichen, starten sie bereits zwei
Stunden vor den anderen Athleten. Der “Achilles track club”” kümmert sich um die behinderten Sportler, indem ihnen Laufbegleiter zur Seite gestellt werden. Diese führen Blinde,
begleiten sehr langsame Läufer und schirmen sie nach hinten ab, um Unfälle zu vermeiden.
Letzter nach 35 Stunden im Ziel
Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen ist das Ziel in New York
bis zum letzten Läufer offen- in Deutschland wird das Ziel vielfach nach fünfeinhalb Stunden geschlossen. Nach sechseinhalb Stunden hatten über 30000 Läufer das Ziel erreicht. Der letzte Teilnehmer
wurde aber erst nach 35 Stunden registriert. Dies ist auch ein Grund, die Zeit als zweitrangig zu betrachten. In New York fragt sowieso niemand nach der gelaufenen Zeit, sondern nur: ”Bist Du
gelaufen?” Am nächsten Tag konnten wir dann bei dieser Frage auf die New York Times verweisen, die auch unsere Platzierungen abgedruckt hatte.
Die beste Platzierung unserer Gruppe erreichte Thomas mit Rang
390 und einer Endzeit von 2:53.27 Stunden. Unsere weiteren Platzierungen: Christian mit 3:35,57 Stunden, Rang 4820; Matthias 3:47,53 Stunden, Rang 7068, sowie ich mit 4:53. 09 Stunden auf
Rang 23313 und Tanja mit 4:53.10 Stunden auf Rang 23314.
Fazit:
Der New York Marathon ist ein Erlebnis der Superlative. Das Abklatschen der Kids am Straßenrand, das Verteilen von Bonbons,
Kaugummis und Lollis, Begeisterungsstürme der Zuschauer, so laut und so begeistert, dass man viele Kilometer eigentlich Ohropax braucht und die große Akzeptanz auch der anderen Läufer
gegenüber Behinderten bleiben unvergessen- abgesehen von der multikulturellen Stadt, die allein schon ein Erlebnis ist.